Tristan 1. Aufzug 5. Szene 1

Fünfte Szene
Kurwenal geht wieder zurück. Brangäne, kaum ihrer mächtig, wendet sich in den Hintergrund. Isolde, ihr ganzes Gefühl zur Entscheidung zusammenfassend, schreitet langsam, mit großer Haltung, dem Ruhebett zu, auf dessen Kopfende sich stützend sie den Blick fest dem Eingange zuwendet. – Tristan tritt ein und bleibt ehrerbietig am Eingange stehen. – Isolde ist mit furchtbarer Aufregung in seinen Anblick versunken. – Langes Schweigen.
TristanBegehrt, Herrin,
was Ihr wünscht.

IsoldeWüßtest du nicht,
was ich begehre,
da doch die Furcht,
mir’s zu erfüllen,
fern meinem Blick dich hielt?

TristanEhrfurcht
hielt mich in Acht.

IsoldeDer Ehre wenig
botest du mir;
mit off’nem Hohn
verwehrtest du
Gehorsam meinem Gebot.

TristanGehorsam einzig
hielt mich in Bann.

IsoldeSo dankt’ ich Geringes
deinem Herrn,
riet dir sein Dienst
Unsitte
gegen sein eigen Gemahl?

TristanSitte lehrt,
wo ich gelebt:
zur Brautfahrt
der Brautwerber
meide fern die Braut.

IsoldeAus welcher Sorg’?

TristanFragt die Sitte!

IsoldeDa du so sittsam,
mein Herr Tristan,
auch einer Sitte
sei nun gemahnt:
den Feind dir zu sühnen,
soll er als Freund dich rühmen.

TristanUnd welchen Feind?

IsoldeFrag deine Furcht!
Blutschuld
schwebt zwischen uns.

TristanDie ward gesühnt.

IsoldeNicht zwischen uns!

TristanIm offnen Feld
vor allem Volk
ward Urfehde geschworen.

IsoldeNicht da war’s,
wo ich Tantris barg,
wo Tristan mir verfiel.
Da stand er herrlich,
hehr und heil;
doch was er schwur,
das schwurt ich nicht:
zu schweigen hatt’ ich gelernt.
Da in stiller Kammer
krank er lag,
mit dem Schwerte stumm
ich vor ihm stund:
schwieg da mein Mund,
bannt’ ich meine Hand –
doch was einst mit Hand
und Mund ich gelobt,
das schwur ich schweigend zu halten.
Nun will ich des Eides walten.

TristanWas schwurt Ihr, Frau?

IsoldeRache für Morold!

TristanMüht Euch die?

IsoldeWagst du zu höhnen?
Angelobt war er mir,
der hehre Irenheld;
seine Waffen hatt’ ich geweiht;
für mich zog er zum Streit.
Da er gefallen,
fiel meine Ehr’:
in des Herzens Schwere
schwur ich den Eid,
würd’ ein Mann den Mord nicht sühnen,
wollt’ ich Magd mich des erkühnen.
Siech und matt
in meiner Macht,
warum ich dich da nicht schlug?
Das sag dir selbst mit leichtem Fug.
Ich pflag des Wunden,
daß den Heilgesunden
rächend schlüge der Mann,
der Isolde ihm abgewann.
Dein Los nun selber
magst du dir sagen!
Da die Männer sich all ihm vertragen,
wer muß nun Tristan schlagen?

Tristan bleich und düster
War Morold dir so wert,
nun wieder nimm das Schwert
und führ es sicher und fest,
daß du nicht dir’s entfallen läßt!
Er reicht ihr sein Schwert dar

IsoldeWie sorgt’ ich schlecht
um deinen Herren;
was würde König Marke sagen,
erschlüg’ ich ihm
den besten Knecht,
der Kron’ und Land ihm gewann,
den allertreusten Mann?
Dünkt dich so wenig,
was er dir dankt,
bringst du die Irin
ihm als Braut,
daß er nicht schölte,
schlüg’ ich den Werber,
der Urfehde-Pfand
so treu ihm liefert zur Hand?
Wahre dein Schwert!
Da einst ich’s schwang,
als mir die Rache
im Busen rang,
als dein messender Blick
mein Bild sich stahl,
ob ich Herrn Marke
taug’ als Gemahl:
Das Schwert – da ließ ich’s sinken.
Nun laß uns Sühne trinken!
Sie winkt Brangäne. Diese schaudert zusammen, schwankt und zögert in ihrer Bewegung. Isolde treibt sie mit gesteigerter Gebärde an. Brangäne läßt sich zur Bereitung des Trankes an.

Schiffsvolk von außen
Ho! He! Ha! He!
Am Obermast
die Segel ein!
Ho! He! Ha! He!

Tristan aus düsterem Brüten auffahrend
Wo sind wir?

IsoldeHart am Ziel!
Tristan, gewinn’ ich die Sühne?
Was hast du mir zu sagen?

Tristan finster
Des Schweigens Herrin
heißt mich schweigen:
fass’ ich, was sie verschwieg,
verschweig’ ich, was sie nicht faßt.

IsoldeDein Schweigen faß ich,
weichst du mir aus.
Weigerst du die Sühne mir?

Schiffsvolk von außen
Ho! He! Ha! He!
Auf Isoldes ungeduldigen Wink reicht Brangäne ihr die gefüllte Trinkschale.