Tristan 1. Aufzug 5. Szene 2

Isolde mit dem Becher zu Tristan tretend, der ihr starr in die Augen blickt
Du hörst den Ruf?
Wir sind am Ziel.
In kurzer Frist
stehn wir
mit leisem Hohne
vor König Marke.
Geleitest du mich,
dünkt’s dich nicht lieb,
darfst du so ihm sagen:
«Mein Herr und Ohm,
sieh die dir an:
ein sanftres Weib
gewännst du nie.
Ihren Angelobten
erschlug ich ihr einst,
sein Haupt sandt’ ich ihr heim;
die Wunde, die
seine Wehr mir schuf,
die hat sie hold geheilt.
Mein Leben lag
in ihrer Macht:
das schenkte mir
die holde Magd
und ihres Landes
Schand’ und Schmach
die gab sie mit darein,
dein Ehgemahl zu sein.
So guter Gaben
holden Dank
schuf mir ein süßer
Sühnetrank;
den bot mir ihre Huld,
zu sühnen alle Schuld.»

Schiffsvolk außen
Auf das Tau!
Anker los!

Tristan wild auffahrend
Los den Anker!
Das Steuer dem Strom!
Den Winden Segel und Mast!
Er entreißt ihr die Trinkschale.
Wohl kenn’ ich Irlands
Königin
und ihrer Künste
Wunderkraft.
Den Balsam nützt’ ich,
den sie bot:
den Becher nehm ich nun,
daß ganz ich heut genese.
Und achte auch
des Sühneeids,
den ich zum Dank dir sage!
Tristans Ehre –
höchste Treu’!
Tristans Elend –
kühnster Trotz!
Trug des Herzens!
Traum der Ahnung!
Ew’ger Trauer
einz’ger Trost:
Vergessens güt’ger Trank,
dich trink’ ich sonder Wank!
Er setzt an und trinkt.

IsoldeBetrug auch hier?
Mein die Hälfte!
Sie entwindet ihm den Becher.
Verräter! Ich trink’ sie dir!
Sie trinkt. Dann wirft sie die Schale fort. Beide, von Schauder erfaßt, blicken sich mit höchster Aufregung, doch mit starrer Haltung, unverwandt in die Augen, in deren Ausdruck der Todestrotz bald der Liebesglut weicht. Zittern ergreift sie. Sie fassen sich krampfhaft an das Herz und führen die Hand wieder an die Stirn. Dann suchen sie sich wieder mit dem Blick, senken ihn verwirrt und heften ihn wieder mit steigender Sehnsucht aufeinander.
mit bebender Stimme
Tristan!

Tristan überströmend
Isolde!

Isolde an seine Brust sinkend
Treuloser Holder!

Tristan mit Glut sie umfassend
Seligste Frau!
Sie verbleiben in stummer Umarmung.
Aus der Ferne vernimmt man Trompeten.

Ruf der Männer von außen auf dem Schiffe
Heil! König Marke Heil!

Brangäne die, mit abgewandtem Gesicht, voll Verwirrung und Schauder sich über den Bord gelehnt hatte, wendet sich jetzt dem Anblick des in Liebesumarmung versunkenen Paares zu und stürzt händeringend voll Verzweiflung in den Vordergrund
Wehe! Weh!
Unabwendbar
ew’ge Not
für kurzen Tod!
Tör’ger Treue
trugvolles Werk
blüht nun jammernd empor!
Tristan und Isolde fahren aus der Umarmung auf.

Tristan verwirrt
Was träumte mir
von Tristans Ehre?

IsoldeWas träumte mir
von Isoldes Schmach?

TristanDu mir verloren?

IsoldeDu mich verstoßen?

TristanTrügenden Zaubers
tückische List!

IsoldeTörigen Zürnens
eitles Dräun!

TristanIsolde!

IsoldeTristan!

TristanSüßeste Maid!

IsoldeTrautester Mann!

TristanWie sich die Herzen
wogend erheben!
Wie alle Sinne
wonnig erbeben!
Sehnender Minne
schwellendes Blühen,
schmachtender Liebe
seliges Glühen!
Jach in der Brust
jauchzende Lust!
Isolde!
Isolde mir gewonnen!

IsoldeTristan!
Welten-entronnen,
du mir gewonnen!

TristanDu mir einzig bewußt,
höchste Liebeslust!
Die Vorhänge werden weit auseinandergerissen; das ganze Schiff ist mit Rittern und Schiffsvolk bedeckt, die jubelnd über Bord winken, dem Ufer zu, das man, mit einer hohen Felsenburg gekrönt, nahe erblickt. – Tristan und Isolde bleiben, in ihrem gegenseitingen Anblick verloren, ohne Wahrnehmung des um sie Vorgehenden.

Brangäne zu den Frauen, die auf ihren Wink aus dem Schiffsraum heraufsteigen
Schnell, den Mantel,
den Königsschmuck!
Zwischen Tristan und Isolde stürzend
Unsel’ge! Auf!
Hört, wo wir sind!
Sie legt Isolde, die es nicht gewahrt, den Königsmantel an.

Alle MännerHeil! Heil! Heil!
König Marke Heil!
Heil dem König!

Kurwenal lebhaft herantretend
Heil Tristan,
glücklicher Held!
Mit reichem Hofgesinde
dort auf Nachen
naht Herr Marke.
Hei, wie die Fahrt ihn freut,
daß er die Braut sich freit!

Tristan in Verwirrung aufblickend
Wer naht?

KurwenalDer König!

TristanWelcher König?
Kurwenal deutet über Bord.

Alle Männer die Hüte schwenkend
Heil! König Marke Heil!
Tristan starrt wie sinnlos nach dem Lande.

Isolde in Verwirrung
Was ist, Brangäne?
Welcher Ruf?

BrangäneIsolde! Herrin!
Fassung nur heut!

IsoldeWo bin ich? Leb’ ich?
Ha! Welcher Trank?

Brangäne verzweiflungsvoll
Der Liebestrank.

Isolde starrt entsetzt auf Tristan
Tristan!

TristanIsolde!

IsoldeMuß ich leben?
Sie stürzt ohnmächtig an seine Brust.

Brangäne zu den Frauen
Helft der Herrin!

TristanO Wonne voller Tücke!
O truggeweihtes Glücke!

Alle Männer Ausbruch allgemeinen Jauchzens
Heil dem König!
Kornwall Heil!
Trompeten vom Lande her – Leute sind über Bord gestiegen, andere haben eine Brücke ausgelegt, und die Haltung aller deutet auf die soeben bevorstehende Ankunft der Erwarteten, als der Vorhang schnell fällt.