Tristan 2. Aufzug 2. Szene 4

Brangäne ihre Stimme von der Zinne her
Einsam wachend
in der Nacht,
wem der Traum
der Liebe lacht,
hab der Einen
Ruf in acht,
die den Schläfern
Schlimmes ahnt,
bange zum
Erwachen mahnt.
Habet acht!
Habet acht!
Bald entweicht die Nacht.

Isolde leise
Lausch, Geliebter!

Tristan ebenso
Laß mich sterben!

Isolde allmählich sich ein wenig erhebend
Neid’sche Wache!

Tristan zurückgelehnt bleibend
Nie erwachen!

IsoldeDoch der Tag
muß Tristan wecken?

Tristan ein wenig das Haupt erhebend
Laß den Tag
dem Tode weichen!

Isolde nicht heftig
Tag und Tod
mit gleichen Streichen
sollten unsre
Lieb’ erreichen?

Tristan sich mehr aufrichtend
Unsre Liebe?
Tristans Liebe?
Dein’ und mein’,
Isoldes Liebe?
Welches Todes Streichen
könnte je sie weichen?
Stünd’ er vor mir,
der mächt’ge Tod,
wie er mir Leib
und Leben bedroht’,
die ich so willig
der Liebe lasse,
wie wäre seinen Streichen
die Liebe selbst zu erreichen?
immer inniger mit dem Haupt sich an Isolde schmiegend
Stürb’ ich nun ihr,
der so gern ich sterbe,
wie könnte die Liebe
mit mir sterben,
die ewig lebende
mit mir enden?
Doch stürbe nie seine Liebe,
wie stürbe dann Tristan
seiner Liebe?

IsoldeDoch unsre Liebe,
heißt sie nicht Tristan
und – Isolde?
Dies süße Wörtlein: und,
was es bindet,
der Liebe Bund,
wenn Tristan stürb’,
zerstört’ es nicht der Tod?

Tristan sehr ruhig
Was stürbe dem Tod,
als was uns stört,
was Tristan wehrt,
Isolde immer zu lieben,
ewig ihr nur zu leben?

IsoldeDoch dieses Wörtlein: und –
wär’ es zerstört,
wie anders als
mit Isoldes eignem Leben
wär’ Tristan der Tod gegeben?
Tristan zieht, mit bedeutungsvoller Gebärde, Isolde sanft an sich.

TristanSo starben wir,
um ungetrennt,
ewig einig
ohne End’,
ohn’ Erwachen,
ohn’ Erbangen,
namenlos
in Lieb’ umfangen,
ganz uns selbst gegeben,
der Liebe nur zu leben!


Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Isolde wie in sinnender Entrücktheit zu ihm aufblickend
So stürben wir,
um ungetrennt –

Tristanewig einig
ohne End’ –

Isoldeohn’ Erwachen –

Tristanohn’ Erbangen –
namenlos
in Lieb’ umfangen,
ganz uns selbst gegeben,
der Liebe nur zu leben!
Isolde neigt wie überwältigt das Haupt an seine Brust.

Brangäne wie vorher
Habet acht!
Habet acht!
Schon weicht dem Tag die Nacht.

Tristan lächelnd zu Isolde geneigt
Soll ich lauschen?

Isolde schwärmerisch zu Tristan aufblickend
Laß mich sterben!

Tristan ernster
Muß ich wachen?

Isolde bewegter
Nie erwachen!

Tristan drängender
Soll der Tag
noch Tristan wecken?

Isolde begeistert
Laß den Tag
dem Tode weichen!

TristanDes Tages Dräuen
nun trotzten wir so?

Isolde mit wachsender Begeisterung
Seinem Trug ewig zu fliehn.

TristanSein dämmernder Schein
verscheuchte uns nie?

Isolde mit großer Gebärde ganz sich erhebend
Ewig währ’ uns die Nacht!
Tristan folgt ihr, sie umfangen sich in schwärmerischer Begeisterung.

TristanO ew’ge Nacht,
süße Nacht!
Hehr erhabne
Liebesnacht!
Wen du umfangen,
wem du gelacht,
wie wär’ ohne Bangen
aus dir er je erwacht?
Nun banne das Bangen,
holder Tod,
sehnend verlangter
Liebestod!
In deinen Armen,
dir geweiht,
ur-heilig Erwarmen,
von Erwachens Not befreit!
Wie sie fassen,
wie sie lassen,
diese Wonne –
Fern der Sonne,
fern der Tage
Trennungsklage!

IsoldeOhne Wähnen –

Tristansanftes Sehnen;

Isoldeohne Bangen –

Tristansüß Verlangen.
Ohne Wehen –
hehr Vergehen.

IsoldeOhne Schmachten –

Tristanhold Umnachten.
Ohne Meiden –
ohne Scheiden,
traut allein,
ewig heim,
in ungemeßnen Räumen
übersel’ges Träumen.
Tristan du,
ich Isolde,
nicht mehr Tristan!

IsoldeDu Isolde,
Tristan ich,
nicht mehr Isolde!

TristanOhne Nennen,
ohne Trennen,
neu’ Erkennen,
neu’ Entbrennen;
ewig endlos,
ein-bewußt:
heiß erglühter Brust
höchste Liebeslust!
Sie bleiben in verzückter Stellung.