Tristan 2. Aufzug 3. Szene 2

Tristan mitleidig das Auge zu Marke erhebend
O König, das
kann ich dir nicht sagen;
und was du frägst,
das kannst du nie erfahren.
Er wendet sich zu Isolde,
die sehnsüchtig zu ihm aufblickt.
Wohin nun Tristan scheidet,
willst du, Isold’, ihm folgen?
Dem Land, das Tristan meint,
der Sonne Licht nicht scheint:
es ist das dunkel
nächt’ge Land,
daraus die Mutter
mich entsandt,
als, den im Tode
sie empfangen,
im Tod sie ließ
an das Licht gelangen.
Was, da sie mich gebar,
ihr Liebesberge war,
das Wunderreich der Nacht,
aus der ich einst erwacht;
das bietet dir Tristan,
dahin geht er voran:
ob sie ihm folge
treu und hold –
das sag ihm nun Isold’!

IsoldeAls für ein fremdes Land
der Freund sie einstens warb,
dem Unholden
treu und hold
mußt’ Isolde folgen.
Nun führst du in dein eigen,
dein Erbe mir zu ziegen;
wie flöh’ ich wohl das Land,
das alle Welt umspannt?
Wo Tristans Haus und Heim,
da kehr’ Isolde ein:
auf dem sie folge
treu und hold,
den Weg nun zeig Isold’!
Tristan neigt sich langsam über sie und küßt sie sanft auf die Stirn. – Melot fährt wütend auf.

Melot das Schwert ziehend
Verräter! Ha!
Zur Rache, König!
Duldest du diese Schmach?

Tristan zieht sein Schwert, und wendet sich schnell um
Wer wagt sein Leben an das meine?
Er heftet den Blick auf Melot.
Mein Freund war der,
er minnte mich hoch und teuer;
um Ehr’ und Ruhm
mir war er besorgt wie keiner.
Zum Übermut
trieb er mein Herz;
die Schar führt’ er,
die mich gedrängt,
Ehr’ und Ruhm mir zu mehren,
dem König dich zu vermählen!
Dein Blick, Isolde,
blendet’ auch ihn:
aus Eifer verriet
mich der Freund
dem König, den ich verriet!
Er dringt auf Melot ein.
Wehr dich, Melot!
Als Melot ihm das Schwert entgegenstreckt, läßt Tristan das seinige fallen und sinkt verwundet in Kurwenals Arme. Isolde stürzt sich an seine Brust. Marke hält Melot zurück. Der Vorhang fällt schnell.