Tristan 3. Aufzug 1. Szene 2

Kurwenal nach großer Erschütterung aus der Niederschlagenheit sich aufraffend
Der einst ich trotzt’,
aus Treu’ zu dir,
mit dir nach ihr
nun muß ich mich sehnen.
Glaub meinem Wort:
du sollst sie sehen
hier und heut;
den Trost kann ich dir geben –
ist sie nur selbst noch am Leben.

Tristan sehr matt
Noch losch das Licht nicht aus,
noch ward’s nicht Nacht im Haus:
Isolde lebt und wacht;
sie rief mich aus der Nacht.

KurwenalLebt sie denn,
so laß dir Hoffnung lachen!
Muß Kurwenal dumm dir gelten,
heut sollst du ihn nicht schelten.
Wie tot lagst du
seit dem Tag,
da Melot, der Verruchte,
dir eine Wunde schlug.
Die böse Wunde,
wie sie heilen?
Mir tör’gem Manne
dünkt’ es da,
wer einst dir Morolds
Wunde schloß,
der heilte leicht die Plagen,
von Melots Wehr geschlagen.
Die beste Ärztin
bald ich fand;
nach Kornwall hab’ ich
ausgesandt:
ein treuer Mann
wohl übers Meer
bringt dir Isolde her.

Tristan außer sich
Isolde kommt!
Isolde naht!
Er ringt gleichsam nach Sprache.
O Treue! Hehre,
holde Treue!
Er zieht Kurwenal an sich und umarmt ihn.
Mein Kurwenal,
du trauter Freund!
Du Treuer ohne Wanken,
wie soll dir Tristan danken?
Mein Schild, mein Schirm
in Kampf und Streit,
zu Lust und Leid
mir stets bereit:
wen ich gehaßt,
den haßtest du;
wen ich geminnt,
den minntest du.
Dem guten Marke,
dient’ ich ihm hold,
wie warst du ihm treuer als Gold!
Mußt’ ich verraten
den edlen Herrn,
wie betrogst du ihn da so gern!
Dir nicht eigen,
einzig mein,
mit leidest du,
wenn ich leide:
nur was ich leide,
das kannst du nicht leiden!
Dies furchtbare Sehnen,
das mich sehrt;
dies schmachtende Brennen,
das mich zehrt;
wollt’ ich dir’s nennen,
könntest du’s kennen:
nicht hier würdest du weilen,
zur Warte müßtest du eilen –
mit allen Sinnen
sehnend von hinnen
nach dorten trachten und spähen,
wo ihre Segel sich blähen,
wo vor den Winden,
mich zu finden,
von der Liebe Drang befeuert,
Isolde zu mir steuert! –
Es naht! Es naht
mit mutiger Hast!
Sie weht, sie weht –
die Flagge am Mast.
Das Schiff! Das Schiff!
Dort streicht es am Riff!
Siehst du es nicht?
Heftig.
Kurwenal, siehst du es nicht?
Als Kurwenal, um Tristan nicht zu verlassen, zögert, und dieser in schweigender Spannung auf ihn blickt, ertönt, wie zu Anfang, näher, dann ferner, die klagende Weise des Hirten.