Tristan 3. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Tristan in höchster Aufregung auf dem Lager sich mühend
O diese Sonne!
Ha, dieser Tag!
Ha, dieser Wonne
sonnigster Tag!
Jagendes Blut,
jauchzender Mut!
Lust ohne Maßen,
freudiges Rasen!
Auf des Lagers Bann
wie sie ertragen?
Wohlauf und daran,
wo die Herzen schlagen!
Tristan der Held,
in jubelnder Kraft,
hat sich vom Tod
emporgerafft!
Er richtet sich hoch auf.
Mit blutender Wunde
bekämpft’ ich einst Morolden,
mit blutender Wunde
erjag’ ich mir heut Isolden!
Er reißt sich den Verband der Wunde auf.
Heia, mein Blut!
Lustig nun fließe!
Er springt vom Lager herab und schwankt vorwärts.
Die mir die Wunde
auf ewig schließe –
sie naht wie ein Held,
sie naht mir zum Heil!
Vergeh’ die Welt
meiner jauchzenden Eil’!
Er taumelt nach der Mitte der Bühne.

Isolde von außen
Tristan! Geliebter!

Tristan in der furchtbarsten Aufregung
Wie, hör’ ich das Licht?
Die Leuchte, ha!
Die Leuchte verlischt!
Zu ihr, zu ihr!
Isolde eilt atemlos herein. Tristan, seiner nicht mächtig, stürzt sich ihr schwankend entgegen. In der Mitte der Bühne begegnen sie sich; sie empfängt ihn in ihren Armen. Tristan sinkt langsam in ihren Armen zu Boden.

IsoldeTristan! Ha!

Tristan sterbend zu ihr aufblickend
Isolde!
Er stirbt.

IsoldeHa! Ich bin’s, ich bin’s,
süßester Freund!
Auf, noch einmal
hör meinen Ruf!
Isolde ruft:
Isolde kam,
mit Tristan treu zu sterben.
Bleibst du mir stumm?
Nur eine Stunde,
nur eine Stunde
bleibe mir wach!
So bange Tage
wachte sie sehnend,
um eine Stunde
mit dir noch zu wachen:
betrügt Isolden,
betrügt sie Tristan
um dieses einzige,
ewig kurze
letzte Weltenglück?
Die Wunde? Wo?
Laß sie mich heilen!
Daß wonnig und hehr
die Nacht wir teilen;
nicht an der Wunde,
an der Wunde stirb mir nicht:
uns beiden vereint
erlösche das Lebenslicht!
Gebrochen der Blick!
Still das Herz!
Nicht eines Atems
flücht’ges Wehn! –
Muß sie nun jammernd
vor dir stehn,
die sich wonnig dir zu vermählen
mutig kam übers Meer?
Zu spät!
Trotziger Mann!
Strafst du mich so
mit härtestem Bann?
Ganz ohne Huld
meiner Leidens-Schuld?
Nicht meine Klagen
darf ich dir sagen?
Nur einmal, ach!
nur einmal noch! –
Tristan! – Ha! –
Horch! Er wacht!
Geliebter!
Sie sinkt bewußtlos über der Leiche zusammen. Kurwenal war sogleich hinter Isolde zurückgekommen; sprachlos in furchtbarer Erschütterung hat er dem Auftritte beigewohnt und bewegungslos auf Tristan hingestarrt. Aus der Tiefe hört man jetzt dumpfes Gemurmel und Waffengeklirr. Der Hirt kommt über die Mauer gestiegen.