Walküre 1. Aufzug 1. Szene

Die Walküre
1. Tag des Bühnenfestspiels
«Der Ring des Nibelungen»
Entstehung: 1851-1856
Première: München 1870
Erster Aufzug
Vorspiel und Erste Szene
Das Innere eines Wohnraumes – In der Mitte steht der Stamm einer mächtigen Esche, dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren; von seinem Wipfel ist der Baum durch ein gezimmertes Dach geschieden, welches so durchschnitten ist, daß der Stamm und die nach allen Seiten hin sich ausstreckenden Äste durch genau entsprechende Öffnungen hindurchgehen; von dem belaubten Wipfel wird angenommen, daß er sich über dieses Dach ausbreite. Um den Eschenstamm, als Mittelpunkt, ist nun ein Saal gezimmert; die Wände sind aus roh behauenem Holzwerk, hier und da mit geflochtenen und gewebten Decken behangen. Rechts im Vordergrunde steht der Herd, dessen Rauchfang seitwärts zum Dache hinausführt: hinter dem Herde befindet sich ein innerer Raum, gleich einem Vorratsspeicher, zu dem man auf einigen hölzernen Stufen hinaufsteigt: davor hängt, halb zurückgeschlagen, eine geflochtene Decke. Im Hintergrunde eine Eingangstür mit schlichtem Holzriegel. Lin); die Tür zu einem inneren Gemache, zu dem gleichfalls Stufen hinaufführen; weiter vornen auf derselben Seite ein Tisch mit einer breiten, an der Wand angezimmerten Bank dahinter und hölzernen Schemeln davor. – Ein kurzes Orchestervorspiel von heftiger, stürmischer Bewegung leitet ein. Als der Vorhang aufgeht, öffnet Siegmund von außen hastig die Eingangstür und tritt ein: es ist gegen Abend, starkes Gewitter, im Begriff, sich zu legen. – Siegmund hält einen Augenblick den Riegel in der Hand und überblickt den Wohnraum: er scheint von übermäßiger Anstrengung erschöpft; sein Gewand und Aussehen zeigen, daß er sich auf der Flucht befinde. Da er niemand gewahrt, schließt er die Tür hinter sich, schreitet auf den Herd zu und wirft sich dort ermattet auf eine Decke von Bärenfell.721970Sturm
Gewitter

Siegmund



SiegmundWes Herd dies auch sei, hier muß ich rasten.7270
Er sinkt zurück und bleibt einige Zeit regungslos ausgestreckt. Sieglinde tritt aus der Tür des inneren Gemaches; sie glaubte ihren Mann heimgekehrt: ihre ernste Miene zeigt sich dann verwundert, als sie einen Fremden am Herde ausgestreckt sieht.

7270
Sieglinde noch im Hintergrunde
Ein fremder Mann? Ihn muß ich fragen.
Sie tritt ruhig einige Schritte näher
Wer kam ins Haus und liegt dort am Herd?
Da Siegmund sich nicht regt, tritt sie noch etwas näher und betrachtet ihn70Siegmund
Müde liegt er, von Weges Müh’n.70
Schwanden die Sinne ihm? Wäre er siech?
Sie neigt sich zu ihm herab und lauscht7069Siegmund
Sieglinde

Noch schwillt ihm der Atem; das Auge nur schloß er. –
Mutig dünkt mich der Mann, sank er müd’ auch hin.

Siegmund fährt jäh mit dem Haupt in die Höhe70Siegmund
Ein Quell! Ein Quell!

SieglindeErquickung schaff’ ich.
Sie nimmt schnell ein Trinkhorn und geht damit aus dem Hause. Sie kommt zurück und reicht das gefüllte Trinkhorn Siegmund7069Siegmund
Sieglinde

Labung biet’ ich dem lechzenden Gaumen:69
Wasser, wie du gewollt.
Siegmund trinkt und reicht ihr das Horn zurück. Als er ihr mit dem Haupte Dank zuwinkt, haftet sein Blick mit steigender Teilnahme an ihren Mienen.

701835Siegmund
Geschwisterliebe
Liebe


SiegmundKühlende Labung gab mir der Quell,
des Müden Last machte er leicht:69Sieglinde
erfrischt ist der Mut,
das Aug’ erfreut des Sehens selige Lust.
Wer ist’s, der so mir es labt?

69Sieglinde
SieglindeDies Haus und dies Weib sind Hundings Eigen;
gastlich gönn’ er dir Rast: harre, bis heim er kehrt!

SiegmundWaffenlos bin ich:70Siegmund
dem wunden Gast wird dein Gatte nicht wehren.

Sieglinde mit besorgter Hast
Die Wunden weise mir schnell!

Siegmund schüttelt sich und springt lebhaft vom Lager zum Sitz auf
Gering sind sie, der Rede nicht wert;
noch fügen des Leibes Glieder sich fest.
Hätten halb so stark wie mein Arm
Schild und Speer mir gehalten,
nimmer floh ich dem Feind,
doch zerschellten mir Speer und Schild.
Der Feinde Meute hetzte mich müd’,
Gewitterbrunst brach meinen Leib;
doch schneller, als ich der Meute,
schwand die Müdigkeit mir:
sank auf die Lider mir Nacht;70Siegmund
die Sonne lacht mir nun neu.

Sieglinde geht nach dem Speicher, füllt ein Horn mit Met und reicht es Siegmund mit freundlicher Bewegtheit69Sieglinde
Des seimigen Metes süßen Trank
mög’st du mir nicht verschmähn.

69Sieglinde
SiegmundSchmecktest du mir ihn zu?
Sieglinde nippt am Horne und reicht es ihm wieder. Siegmund tut einen langen Zug, indem er den Blick mit wachsender Wärme auf sie heftet. Er setzt so das Horn ab und läßt es langsam sinken, während der Ausdruck seiner Miene in starke Ergriffenheit übergeht. Er seufzt tief auf und senkt den Blick düster zu Boden.3518Liebe
Geschwisterliebe

mit bebender Stimme70Siegmund
Einen Unseligen labtest du:
Unheil wende der Wunsch von dir!
Er bricht schnell auf, um fortzugehen69Sieglinde
Gerastet hab’ ich und süß geruht.
Weiter wend’ ich den Schritt.
er geht nach hinten

69Sieglinde
Sieglinde lebhaft sich umwendend
Wer verfolgt dich, daß du schon fliehst?

Siegmund von ihrem Rufe gefesselt, wendet sich wieder; langsam und düster
Mißwende folgt mir, wohin ich fliehe;
Mißwende naht mir, wo ich mich neige. –
Dir, Frau, doch bleibe sie fern!35Liebe
Fort wend’ ich Fuß und Blick.
Er schreitet schnell bis zur Tür und hebt den Riegel

Sieglinde in heftigem Selbstvergessen ihm nachrufend69Sieglinde
So bleibe hier!
Nicht bringst du Unheil dahin,
wo Unheil im Hause wohnt!
Siegmund bleibt tief erschüttert stehen; er forscht in Sieglindes Mienen; diese schlägt verschämt und traurig die Augen nieder. Langes Schweigen

9469Wälsungenleid
Sieglinde

Siegmund kehrt zurück70Siegmund
Wehwalt hieß ich mich selbst:
Hunding will ich erwarten.
Er lehnt sich an den Herd; sein Blick haftet mit ruhiger und entschlossener Teilnahme an Sieglinde; diese hebt langsam das Auge wieder zu ihm auf. Beide blicken sich in langem Schweigen mit dem Ausdruck tiefster Ergriffenheit in die Augen.946935Wälsungenleid
Sieglinde
Liebe