Walküre 1. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Sieglinde fährt plötzlich auf, lauscht und hört Hunding, der sein Roß außen zum Stall führt. Sie geht hastig zur Tür und öffnet; Hunding, gewaffnet mit Schild und Speer, tritt ein und hält unter der Tür, als er Siegmund gewahrt. Hunding wendet sich mit einem ernst fragenden Blick an Sieglinde31Hunding
Sieglinde dem Blicke Hundings entgegnend31
Müd am Herd fand ich den Mann:
Not führt’ ihn ins Haus.

HundingDu labtest ihn?

SieglindeDen Gaumen letzt’ ich ihm, gastlich sorgt’ ich sein!

Siegmund der ruhig und fest Hunding beobachtet
Dach und Trank dank’ ich ihr:
willst du dein Weib drum schelten?

HundingHeilig ist mein Herd: –
heilig sei dir mein Haus!
Er legt seine Waffen ab und übergibt sie Sieglinde. Zu Sieglinde31Hunding
Rüst’ uns Männern das Mahl!
Sieglinde hängt die Waffen an Ästen des Eschenstammes auf, dann holt sie Speise und Trank aus dem Speicher und rüstet auf dem Tische das Nachtmahl. Unwillkürlich heftet sie wieder den Blick auf Siegmund. / Hunding mißt scharf und verwundert Siegmunds Züge, die er mit denen seiner Frau vergleicht; für sich316918Hunding
Sieglinde
Geschwisterliebe
Wie gleicht er dem Weibe!
Der gleißende Wurm glänzt auch ihm aus dem Auge.
Er birgt sein Befremden und wendet sich wie unbefangen zu Siegmund8331Vertrag
Hunding
Weit her, traun, kamst du des Wegs;
ein Roß nicht ritt, der Rast hier fand:
welch schlimme Pfade schufen dir Pein?

SiegmundDurch Wald und Wiese, Heide und Hain,72Sturm
jagte mich Sturm und starke Not:
nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam.72Sturm
Wohin ich irrte, weiß ich noch minder:
Kunde gewänn’ ich des gern.

Hunding am Tische und Siegmund den Sitz bietend
Des Dach dich deckt, des Haus dich hegt,
Hunding heißt der Wirt;31Hunding
wendest von hier du nach West den Schritt,
in Höfen reich hausen dort Sippen,
die Hundings Ehre behüten.31Hunding
Gönnt mir Ehre mein Gast,
wird sein Name nun mir gennant.
Siegmund, der sich am Tisch niedergesetzt, blickt nachdenklich vor sich hin. Sieglinde, die sich neben Hunding, Siegmund gegenüber, gesetzt, heftet ihr Auge mit auffallender Teilnahme und Spannung auf diesen.946935Wälsungenleid
Sieglinde
Liebe
der beide beobachtet
Trägst du Sorge, mir zu vertraun,
der Frau hier gib doch Kunde:
sieh, wie gierig sie dich frägt!

Sieglinde unbefangen und teilnahmsvoll
Gast, wer du bist, wüßt’ ich gern.

Siegmund blickt auf, sieht ihr in das Auge und beginnt ernst94Wälsungenleid
Friedmund darf ich nicht heißen;
Frohwalt möcht’ ich wohl sein:
doch Wehwalt mußt ich mich nennen.
Wolfe, der war mein Vater;
zu zwei kam ich zur Welt,
eine Zwillingsschwester und ich.
Früh schwanden mir Mutter und Maid.
Die mich gebar und die mit mir sie barg,
kaum hab’ ich je sie gekannt.
Wehrlich und stark war Wolfe;
der Feinde wuchsen ihm viel.
Zum Jagen zog mit dem Jungen der Alte:
Von Hetze und Harst einst kehrten wir heim:
da lag das Wolfsnest leer.
Zu Schutt gebrannt der prangende Saal,
zum Stumpf der Eiche blühender Stamm;
erschlagen der Mutter mutiger Leib,
verschwunden in Gluten der Schwester Spur:
uns schuf die herbe Not
der Neidinge harte Schar.31Hunding
Geächtet floh der Alte mit mir;
lange Jahre lebte der Junge
mit Wolfe im wilden Wald:
manche Jagd ward auf sie gemacht;
doch mutig wehrte das Wolfspaar sich.
zu Hunding gewandt
Ein Wölfing kündet dir das,
den als «Wölfing» mancher wohl kennt.

HundingWunder und wilde Märe kündest du, kühner Gast,31Hunding
Wehwalt – der Wölfing!31
Mich dünkt, von dem wehrlichen Paar31
vernahm ich dunkle Sage,31
kannt’ ich auch Wolfe und Wölfing nicht.

31
SieglindeDoch weiter künde, Fremder:
wo weilt dein Vater jetzt?

SiegmundEin starkes Jagen auf uns stellten die Neidinge an:
der Jäger viele fielen den Wölfen,
in Flucht durch den Wald
trieb sie das Wild.
Wie Spreu zerstob uns der Feind.
Doch ward ich vom Vater versprengt;
seine Spur verlor ich, je länger ich forschte:
eines Wolfes Fell nur
traf ich im Forst;
leer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.90Walhall
Aus dem Wald trieb es mich fort;
mich drängt’ es zu Männern und Frauen.35Liebe
Wieviel ich traf, wo ich sie fand,
ob ich um Freund’, um Frauen warb,
immer doch war ich geächtet:
Unheil lag auf mir.
Was Rechtes je ich riet, andern dünkte es arg,
was schlimm immer mir schien,
andre gaben ihm Gunst.
In Fehde fiel ich, wo ich mich fand,
Zorn traf mich, wohin ich zog;
gehrt’ ich nach Wonne, weckt’ ich nur Weh’:
drum mußt’ ich mich Wehwalt nennen;
des Wehes waltet’ ich nur.31Hunding
Er sieht zu Sieglinde auf und gewahrt ihren teilnehmenden Blick.

35Liebe

HundingDie so leidig Los dir beschied,
nicht liebte dich die Norn’:
froh nicht grüßt dich der Mann,
dem fremd als Gast du nahst.

31Hunding
SieglindeFeige nur fürchten den, der waffenlos einsam fährt! –69Sieglinde
Künde noch, Gast,
wie du im Kampf zuletzt die Waffe verlorst!

Siegmund immer lebhafter69Sieglinde
Ein trauriges Kind rief mich zum Trutz:
vermählen wollte der Magen Sippe
dem Mann ohne Minne die Maid.
Wider den Zwang zog ich zum Schutz,
der Dränger Troß traf ich im Kampf:
dem Sieger sank der Feind.
Erschlagen lagen die Brüder:
die Leichen umschlang da die Maid,
den Grimm verjagt’ ihr der Gram.
Mit wilder Tränen Flut betroff sie weinend die Wal:
um des Mordes der eignen Brüder
klagte die unsel’ge Braut.
Der Erschlagnen Sippen stürmten daher;31Hunding
übermächtig ächzten nach Rache sie;31
rings um die Stätte ragten mir Feinde.31
Doch von der Wal wich nicht die Maid;31
mit Schild und Speer schirmt’ ich sie lang’,31
bis Speer und Schild im Harst mir zerhaun.
Wund und waffenlos stand ich –70Siegmund
sterben sah ich die Maid:
mich hetzte das wütende Heer –72Sturm
auf den Leichen lag sie tot.94Wälsungenleid
mit einem Blicke voll schmerzlichen Feuers auf Sieglinde
Nun weißt du, fragende Frau,100Wehwalt
warum ich Friedmund nicht heiße!100
Er steht auf und schreitet auf den Herd zu. Sieglinde blickt erbleichend und tief erschüttert zu Boden

93100Wälsungen
Hunding erhebt sich, sehr finster
Ich weiß ein wildes Geschlecht,
nicht heilig ist ihm, was andern hehr:
verhaßt ist es allen und mir.
Zur Rache ward ich gerufen,31Hunding
Sühne zu nehmen für Sippenblut:
zu spät kam ich, und kehrte nun heim,
des flücht’gen Frevlers Spur im eignen Haus zu erspähn. –
Er geht herab
Mein Haus hütet, Wölfing, dich heut’;
für die Nacht nahm ich dich auf;
mit starker Waffe doch wehre dich morgen;31Hunding
zum Kampfe kies’ ich den Tag:31
für Tote zahlst du mir Zoll.
Sieglinde schreitet mit besorgter Gebärde zwischen die beiden Männer vor69Sieglinde
barsch
Fort aus dem Saal! Säume hier nicht!
Den Nachttrunk rüste mir drin und harre mein’ zur Ruh’.
Sieglinde steht eine Weile unentschieden und sinnend. Sie wendet sich langsam und zögernden Schrittes nach dem Speicher. Dort hält sie wieder an und bleibt, in Sinnen verloren, mit halb abgewandtem Gesicht stehen. Mit ruhigem Entschluß öffnet sie den Schrein, füllt ein Trinkhorn und schüttet aus einer Büchse Würze hinein. Dann wendet sie das Auge auf Siegmund, um seinem Blicke zu begegnen, den dieser fortwährend auf sie heftet. Sie gewahrt Hundings Spähen und wendet sich sogleich zum Schlafgemach. Auf den Stufen kehrt sie sich noch einmal um, heftet das Auge sehnsuchtsvoll auf Siegmund und deutet mit dem Blicke andauernd und mit sprechender Bestimmtheit auf eine Stelle am Eschenstamme. Hunding fährt auf und treibt sie mit einer heftigen Gebärde zum Fortgehen an. Mit einem letzten Blick auf Siegmund geht sie in das Schlafgemach und schließt hinter sich die Türe.69100186531Sieglinde
Wehwalt
Geschwisterliebe
Schwert
Hunding
nimmt seine Waffen vom Stamme herab
Mit Waffen wehrt sich der Mann.
Im Abgehen sich zu Siegmund wendend
Dich Wölfing treffe ich morgen;
mein Wort hörtest du, hüte dich wohl!
Er geht mit den Waffen in das Gemach; man hört ihn von innen den Riegel schließen31Hunding