Walküre 1. Aufzug 3. Szene 2

Siegmund in leiser Entzückung
Keiner ging – doch einer kam:
siehe, der Lenz lacht in den Saal!
Siegmund zieht Sieglinde mit sanfter Gewalt zu sich auf das Lager, so daß sie neben ihm zu sitzen kommt. – Wachsende Helligkeit des Mondscheines
Winterstürme wichen 41Lenzlied
dem Wonnemond, 41
in mildem Lichte leuchtet der Lenz; 41
auf linden Lüften leicht und lieblich,
Wunder webend er sich wiegt;
durch Wald und Auen weht sein Atem,
weit geöffnet lacht sein Aug’: –
aus sel’ger Vöglein Sange süß er tönt,
holde Düfte haucht er aus;
seinem warmen Blut entblühen wonnige Blumen,
Keim und Sproß entspringt seiner Kraft.
Mit zarter Waffen Zier bezwingt er die Welt;
Winter und Sturm wichen der starken Wehr:
wohl mußte den tapfern Streichen
die strenge Türe auch weichen,
die trotzig und starr uns trennte von ihm. –
Zu seiner Schwester schwang er sich her; 3518Liebe
Geschwisterliebe

die Liebe lockte den Lenz: 35
in unsrem Busen barg sie sich tief; 35
Siegmundnun lacht sie selig dem Licht.
Die bräutliche Schwester befreite der Bruder; 35Liebe
zertrümmert liegt, was je sie getrennt: 35
jauchzend grüßt sich das junge Paar:
vereint sind Liebe und Lenz!

3541Liebe
Lenzlied
SieglindeDu bist der Lenz, nach dem ich verlangte 18Geschwisterliebe
in frostigen Winters Frist.
Dich grüßte mein Herz mit heiligem Grau’n, 35Liebe
als dein Blick zuerst mir erblühte.
Fremdes nur sah ich von je,
freudlos war mir das Nahe.
Als hätt’ ich nie es gekannt, war, was immer mir kam.
Doch dich kannt’ ich deutlich und klar: 35Liebe
als mein Auge dich sah, 35
warst du mein Eigen;
was im Busen ich barg, was ich bin,
hell wie der Tag taucht’ es mir auf,
o wie tönender Schall schlug’s an mein Ohr, 35Liebe
als in frostig öder Fremde
zuerst ich den Freund ersah.
Sie hängt sich entzückt an seinen Hals und blickt ihm nahe ins Gesicht

41Lenzlied
Siegmund mit Hingerissenheit
O süßeste Wonne! 104Wonne
O seligstes Weib!

Sieglinde dicht an seinen Augen
O laß in Nähe zu dir mich neigen, 104Wonne
daß hell ich schaue den hehren Schein, 104
der dir aus Aug’ und Antlitz bricht 104
und so süß die Sinne mir zwingt.

35Liebe
SiegmundIm Lenzesmond leuchtest du hell; 104Wonne
hehr umwebt dich das Wellenhaar: 104
was mich berückt, errat’ ich nun leicht, 35Liebe
denn wonnig weidet mein Blick.

35
Sieglinde schlägt ihm die Locken von der Stirn zurück und betrachtet ihn staunend
Wie dir die Stirn so offen steht, 104Wonne
der Adern Geäst in den Schläfen sich schlingt! 104
Mir zagt es vor der Wonne, die mich entzückt! 104
Ein Wunder will mich gemahnen: 90Walhall
den heut’ zuerst ich erschaut, 90
mein Auge sah dich schon!

90
SiegmundEin Minnetraum gemahnt auch mich:
in heißem Sehnen sah ich dich schon!

SieglindeIm Bach erblickt’ ich mein eigen Bild –
und jetzt gewahr’ ich es wieder: 104Wonne
wie einst dem Teich es enttaucht, 104
bietest mein Bild mir nun du!

104
SiegmundDu bist das Bild, 18Geschwisterliebe
das ich in mir barg.

18
Sieglinde den Blick schnell abwendend 18
O still! Laß mich der Stimme lauschen: 18
mich dünkt, ihren Klang
hört’ ich als Kind.
aufgeregt
Doch nein! Ich hörte sie neulich,
als meiner Stimme Schall 18Geschwisterliebe
mir widerhallte der Wald.

18
SiegmundO lieblichste Laute, 18
denen ich lausche!

35Liebe
Sieglinde ihm wieder in die Augen spähend
Deines Auges Glut erglänzte mir schon: 6593Schwert
Wälsungen
so blickte der Greis grüßend auf mich, 90
als der Traurigen Trost er gab. 90Walhall
An dem Blick erkannt’ ihn sein Kind – 90
schon wollt’ ich beim Namen ihn nennen! 90
Sie hält inne und fährt dann leise fort
Wehwalt heißt du fürwahr?

SiegmundNicht heiß’ ich so, seit du mich liebst:
nun walt’ ich der hehrsten Wonnen!

SieglindeUnd Friedmund darfst du
froh dich nicht nennen?

SiegmundNenne mich du, wie du liebst, daß ich heiße:
den Namen nehm’ ich von dir!

SieglindeDoch nanntest du Wolfe den Vater?

SiegmundEin Wolf war er feigen Füchsen!
Doch dem so stolz strahlte das Auge, 90Walhall
wie, Herrliche, hehr dir es strahlt, 90
der war: – Wälse genannt.

Sieglinde außer sich
War Wälse dein Vater, und bist du ein Wälsung,
stieß er für dich sein Schwert in den Stamm,
so laß mich dich heißen, wie ich dich liebe:
Siegmund – so nenn’ ich dich!

Siegmund springt auf den Stamm zu und faßt den Schwertgriff
Siegmund heiß’ ich und Siegmund bin ich! 93Wälsungen
Bezeug’ es dies Schwert, das zaglos ich halte! 65Schwert
Wälse verhieß mir, in höchster Not 65
fänd’ ich es einst: ich faß’ es nun! 65
Heiligster Minne höchste Not, 836Entsagung
Vertrag
sehnender Liebe sehrende Not 6
brennt mir hell in der Brust,
drängt zu Tat und Tod:
Notung! Notung! So nenn’ ich dich, Schwert – 52Nothung
Notung! Notung! Neidlicher Stahl! 52
Zeig’ deiner Schärfe schneidenden Zahn:
heraus aus der Scheide zu mir!
Er zieht mit einem gewaltigen Zuck das Schwert aus dem Stamme und zeigt es der von Staunen und Entzücken erfaßten Sieglinde 65Schwert
Siegmund, den Wälsung, siehst du, Weib! 93Wälsungen
Als Brautgabe bringt er dies Schwert: 93
so freit er sich
die seligste Frau;
dem Feindeshaus entführt er dich so.
Fern von hier folge mir nun, 41Lenzlied
fort in des Lenzes lachendes Haus: 4165Schwert
dort schützt dich Notung, das Schwert,
wenn Siegmund dir liebend erlag! 35Liebe
Er hat sie umfaßt, um sie mit sich fortzuziehen.

Sieglinde reißt sich in höchster Trunkenheit von ihm los und stellt sich ihm gegenüber 104Wonne
Bist du Siegmund, den ich hier sehe,
Sieglinde bin ich, die dich ersehnt:
die eigne Schwester
gewannst du zu eins mit dem Schwert!

35Liebe
SiegmundBraut und Schwester bist du dem Bruder – 35
so blühe denn, Wälsungen-Blut!
Er zieht sie mit wütender Glut an sich; sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust. Der Vorhang fällt schnell 653599Schwert
Liebe
Wehe