Walküre 2. Aufzug 1. Szene 2

Wotan Fricka auf sich zuschreiten sehend, für sich
Der alte Sturm, die alte Müh’! 107Zorn
Doch stand muß ich hier halten!

Fricka je näher sie kommt, desto mehr mäßigt sie den Schritt und stellt sich mit Würde vor Wotan hin
Wo in den Bergen du dich birgst,
der Gattin Blick zu entgehn,
einsam hier such’ ich dich auf,
daß Hilfe du mir verhießest.

WotanWas Fricka kümmert, künde sie frei.

FrickaIch vernahm Hundings Not, 31Hunding
um Rache rief er mich an:
der Ehe Hüterin hörte ihn,
verhieß streng zu strafen die Tat
des frech frevelnden Paars,
das kühn den Gatten gekränkt.

WotanWas so Schlimmes schuf das Paar,
das liebend einte der Lenz? 35Liebe
Der Minne Zauber entzückte sie: 35
wer büßt mir der Minne Macht?

FrickaWie töricht und taub du dich stellst,
als wüßtest fürwahr du nicht,
daß um der Ehe heiligen Eid,
den hart gekränkten, ich klage!

WotanUnheilig acht’ ich den Eid,
der Unliebende eint;
und mir wahrlich mute nicht zu,
daß mit Zwang ich halte, was dir nicht haftet:
denn wo kühn Kräfte sich regen,
da rat’ ich offen zum Krieg.

FrickaAchtest du rühmlich der Ehe Bruch, 107Zorn
so prahle nun weiter und preis’ es heilig,
daß Blutschande entblüht
dem Bund eines Zwillingspaars!
Mir schaudert das Herz, es schwindelt mein Hirn:
bräutlich umfing die Schwester der Bruder!
Wann ward es erlebt,
daß leiblich Geschwister sich liebten?

WotanHeut’ hast du’s erlebt! 41Lenzlied
Erfahre so, was von selbst sich fügt,
sei zuvor auch noch nie es geschehn.
Daß jene sich lieben, leuchtet dir hell; 35Liebe
drum höre redlichen Rat: 35
Soll süße Lust deinen Segen dir lohnen, 35
so segne, lachend der Liebe,
Siegmunds und Sieglindes Bund!

Fricka in höchste Entrüstung ausbrechend
So ist es denn aus mit den ewigen Göttern, 107Zorn
seit du die wilden Wälsungen zeugtest?
Heraus sagt’ ich’s; – traf ich den Sinn?
Nichts gilt dir der Hehren heilige Sippe;
hin wirfst du alles, was einst du geachtet;
zerreißest die Bande, die selbst du gebunden,
lösest lachend des Himmels Haft: – 65Schwert
daß nach Lust und Laune nur walte
dies frevelnde Zwillingspaar,
deiner Untreue zuchtlose Frucht! 107Zorn
O, was klag’ ich um Ehe und Eid,
da zuerst du selbst sie versehrt!
Die treue Gattin trogest du stets;
wo eine Tiefe, wo eine Höhe,
dahin lugte lüstern dein Blick,
wie des Wechsels Lust du gewännest
und höhnend kränktest mein Herz.
Trauernden Sinnes mußt’ ich’s ertragen,
zogst du zur Schlacht mit den schlimmen Mädchen,
die wilder Minne Bund dir gebar:
denn dein Weib noch scheutest du so,
daß der Walküren Schar
und Brünnhilde selbst, deines Wunsches Braut,
in Gehorsam der Herrin du gabst.
Doch jetzt, da dir neue
Namen gefielen,
als «Wälse» wölfisch im Walde du schweiftest;
jetzt, da zu niedrigster
Schmach du dich neigtest,
gemeiner Menschen ein Paar zu erzeugen:
jetzt dem Wurfe der Wölfin
wirfst du zu Füßen dein Weib!
So führ’ es denn aus! Fülle das Maß! 107Zorn
Die Betrogne laß auch zertreten!

107
Wotan ruhig
Nichts lerntest du, wollt’ ich dich lehren,
was nie du erkennen kannst,
eh’ nicht ertagte die Tat.
Stets Gewohntes nur magst du verstehn:
doch was noch nie sich traf,
danach trachtet mein Sinn.
Eines höre! Not tut ein Held, 65Schwert
der, ledig göttlichen Schutzes,
sich löse vom Göttergesetz.
So nur taugt er zu wirken die Tat, 83Vertrag
die, wie not sie den Göttern, 59Ring
dem Gott doch zu wirken verwehrt.

5985Vertragstreue
FrickaMit tiefem Sinne willst du mich täuschen:
was Hehres sollten Helden je wirken,
das ihren Göttern wäre verwehrt,
deren Gunst in ihnen nur wirkt?

Wotanlhres eignen Mutes achtest du nicht?

FrickaWer hauchte Menschen ihn ein?
Wer hellte den Blöden den Blick?
In deinem Schutz scheinen sie stark,
durch deinen Stachel streben sie auf:
du reizest sie einzig,
die so mir Ew’gen du rühmst, 107Zorn
Mit neuer List willst du mich belügen,
durch neue Ränke
mir jetzt entrinnen;
doch diesen Wälsung gewinnst du dir nicht:
in ihm treff’ ich nur dich,
denn durch dich trotzt er allein.

Wotan ergriffen
In wildem Leiden erwuchs er sich selbst:
mein Schutz schirmte ihn nie.

83Vertrag
FrickaSo schütz’ auch heut’ ihn nicht!
Nimm ihm das Schwert, das du ihm geschenkt!

WotanDas Schwert?

65Schwert
FrickaJa, das Schwert, 65
das zauberstark zuckende Schwert,
das du Gott dem Sohne gabst.

Wotan heftig
Siegmund gewann es sich
mit unterdrücktem Beben
selbst in der Not.
Wotan drückt in seiner ganzen Haltung von hier an einen immer wachsenden unheimlichen, tiefen Unmut aus

79Unmuth
Fricka eifrig fortfahrend
Du schufst ihm die Not,
wie das neidliche Schwert.
Willst du mich täuschen, 79Unmuth
die Tag und Nacht auf den Fersen dir folgt? 79
Für ihn stießest du das Schwert in den Stamm, 79
du verhießest ihm die hehre Wehr: 79
willst du es leugnen, 79
daß nur deine List 79
ihn lockte, wo er es fänd’?
Wotan fährt mit einer grimmigen Gebärde auf immer sicherer, da sie den Eindruck gewahrt, den sie auf Wotan hervorgebracht hat10779Zorn
Unmuth

Mit Unfreien streitet kein Edler,
den Frevler straft nur der Freie.
Wider deine Kraft
führt’ ich wohl Krieg:
doch Siegmund verfiel mir als Knecht!
Neue heftige Gebärde Wotans, dann Versinken in das Gefühl seiner Ohnmacht 107Zorn
Der dir als Herren hörig und eigen,
gehorchen soll ihm dein ewig Gemahl?
Soll mich in Schmach der Niedrigste schmähen,
dem Frechen zum Sporn,
dem Freien zum Spott?
Das kann mein Gatte nicht wollen,
die Göttin entweiht er nicht so!

Wotan finster 79Unmuth
Was verlangst du?

FrickaLaß von dem Wälsung!

Wotan mit gedämpfter Stimme 79Unmuth
Er geh’ seines Wegs.

FrickaDoch du schütze ihn nicht,
wenn zur Schlacht ihn der Rächer ruft!

WotanIch schütze ihn nicht.

79Unmuth
FrickaSieh mir ins Auge, sinne nicht Trug:
die Walküre wend’ auch von ihm!

WotanDie Walküre walte frei.

79Unmuth
FrickaNicht doch; deinen Willen vollbringt sie allein:
verbiete ihr Siegmunds Sieg!

Wotan in heftigen inneren Kampf ausbrechend 79Unmuth
Ich kann ihn nicht fällen: er fand mein Schwert!

7965Schwert
FrickaEntzieh’ dem den Zauber, zerknick’ es dem Knecht!
Schutzlos schau’ ihn der Feind!

Brünnhilde noch unsichtbar von der Höhe her 9192Walküre
Heiaha! Heiaha! Hojotoho!

9192Walkürenruf
FrickaDort kommt deine kühne Maid; 9192
jauchzend jagt sie daher.

9192
Brünnhilde wie oben 9192
Heiaha! Heiaha! Heiohotojo! Hotojoha!

9192
Wotan dumpf für sich 9192
Ich rief sie für Siegmund zu Roß! 9192
Brünnhilde erscheint mit ihrem Roß auf dem Felsenpfade rechts. Als sie Fricka gewahrt, bricht sie schnell ab und geleitet ihr Roß still und langsam während des Folgenden den Felsweg herab: dort birgt sie es dann in einer Höhle

FrickaDeiner ew’gen Gattin heilige Ehre
beschirme heut’ ihr Schild!
Von Menschen verlacht, verlustig der Macht,
gingen wir Götter zugrund:
würde heut’ nicht hehr und herrlich mein Recht
gerächt von der mutigen Maid.
Der Wälsung fällt meiner Ehre:
Empfah’ ich von Wotan den Eid?

83Vertrag
Wotan in furchtbarem Unmut und innerem Grimm auf einen Felsensitz sich werfend 79Unmuth
Nimm den Eid!
Fricka schreitet dem Hintergrunde zu: dort begegnet sie Brünnhilde und hält einen Augenblick vor ihr an

Fricka zu Brünnhilde
Heervater harret dein:
lass’ ihn dir künden, wie das Los er gekiest!
Sie besteigt den Wagen und fährt schnell davon.13Fluch
Brünnhilde tritt mit besorgter Miene verwundert vor Wotan, der, auf dem Felssitz zurückgelehnt, das Haupt auf die Hand gestützt, in finstres Brüten versunken ist 79Unmuth