Walküre 3. Aufzug 1. Szene 2

Alle Walküren kehren auf die Bühne zurück; mit ihnen kommt Brünnhilde, Sieglinde unterstützend und hereingeleitend
Brünnhilde atemlos
Schützt mich und helft in höchster Not!

Acht WalkürenWo rittest du her in rasender Hast?
So fliegt nur, wer auf der Flucht!

BrünnhildeZum erstenmal flieh’ ich und bin verfolgt:
Heervater hetzt mir nach!

Acht Walküren heftig erschreckend
Bist du von Sinnen? Sprich! Sage uns! Wie?
Verfolgt dich Heervater?
Fliehst du vor ihm?

Brünnhilde wendet sich ängstlich, um zu spähen, und kehrt wieder zurück80Unruhe
O Schwestern, späht von des Felsens Spitze!
Schaut nach Norden, ob Walvater naht!
Ortlinde und Waltraute springen auf die Felsenspitze zur Warte60Ritt
Schnell! Seht ihr ihn schon?

OrtlindeGewittersturm naht von Norden.

80Unruhe
WaltrauteStarkes Gewölk staut sich dort auf!

80
Sechs WalkürenHeervater reitet sein heiliges Roß!

80
BrünnhildeDer wilde Jäger, der wütend mich jagt,80
er naht, er naht von Norden!
Schützt mich, Schwestern! Wahret dies Weib!

Sechs WalkürenWas ist mit dem Weibe?

BrünnhildeHört mich in Eile:
Sieglinde ist es, Siegmunds Schwester und Braut:
gegen die Wälsungen
wütet Wotan in Grimm;
dem Bruder sollte Brünnhilde heut’
entziehen den Sieg;
doch Siegmund schützt’ ich mit meinem Schild,
trotzend dem Gott!
Der traf ihn da selbst mit dem Speer:
Siegmund fiel;
doch ich floh fern mit der Frau;
sie zu retten, eilt’ ich zu euch –
ob mich Bange auch
kleinmütig
ihr berget vor dem strafenden Streich!

Sechs Walküren in größter Bestürzung
Betörte Schwester, was tatest du?
Wehe! Brünnhilde, wehe!99Wehe
Brach ungehorsam
Brünnhilde Heervaters heilig Gebot?

Waltraute von der Warte
Nächtig zieht es von Norden heran.

80Unruhe
Ortlinde ebenso80
Wütend steuert hieher der Sturm.

80
Roßweiße dem Hintergrunde zugewendet
Wild wiehert Walvaters Roß.

99Wehe
HelmwigeSchrecklich schnaubt es daher!

BrünnhildeWehe der Armen, wenn Wotan sie trifft:18Geschwisterliebe
den Wälsungen allen droht er Verderben! –
Wer leiht mir von euch das leichteste Roß,
das flink die Frau ihm entführ’?

SiegruneAuch uns rätst du rasenden Trotz?

BrünnhildeRoßweiße, Schwester,
leih’ mir deinen Renner!

RoßweißeVor Walvater floh der fliegende nie.

BrünnhildeHelmwige, höre!

HelmwigeDem Vater gehorch’ ich.

BrünnhildeGrimgerde! Gerhilde! Gönnt mir eu’r Roß!
Schwertleite! Siegrune! Seht meine Angst!
Seid mir treu, wie traut ich euch war:
rettet dies traurige Weib!

Sieglinde die bisher finster und kalt vor sich hingestarrt, fährt, als Brünnhilde sie lebhaft – wie zum Schutze – umfaßt, mit einer abwehrenden Gebärde auf
Nicht sehre dich Sorge um mich:
einzig taugt mir der Tod!
Wer hieß dich Maid,
dem Harst mich entführen?
Im Sturm dort hätt’ ich den Streich empfah’n
von derselben Waffe, der Siegmund fiel:
das Ende fand ich
vereint mit ihm!
Fern von Siegmund – Siegmund, von dir! –
O deckte mich Tod, daß ich’s denke!
Soll um die Flucht
dir, Maid, ich nicht fluchen,
so erhöre heilig mein Flehen:
stoße dein Schwert mir ins Herz!

BrünnhildeLebe, o Weib, um der Liebe willen!
Rette das Pfand, das von ihm du empfingst:
stark und drängend
ein Wälsung wächst dir im Schoß!

Sieglinde erschrickt zunächst heftig; sogleich strahlt aber ihr Gesicht in erhabener Freude auf
Rette mich, Kühne! Rette mein Kind!
Schirmt mich, ihr Mädchen, mit mächtigstem Schutz!
Immer finstereres Gewitter steigt im Hintergrunde auf: nahender Donner

Waltraute auf der Warte
Der Sturm kommt heran.

80Unruhe
Ortlinde ebenso80
Flieh’, wer ihn fürchtet!

80
Sechs WalkürenFort mit dem Weibe, droht ihm Gefahr:
der Walküren keine wag’ ihren Schutz!

Sieglinde auf den Knien vor Brünnhilde
Rette mich, Maid! Rette die Mutter!

Brünnhilde mit lebhaftem Entschluß hebt sie Sieglinde auf
So fliehe denn eilig – und fliehe allein!
Ich bleibe zurück, biete mich Wotans Rache:
an mir zögr’ ich den Zürnenden hier,
während du seinem Rasen entrinnst.

SieglindeWohin soll ich mich wenden?

80Unruhe
BrünnhildeWer von euch Schwestern schweifte nach Osten?

SiegruneNach Osten weithin dehnt sich ein Wald:
der Niblungen Hort entführte Fafner dorthin.

SchwertleiteWurmesgestalt schuf sich der Wilde:59Ring
in einer Höhle hütet er Alberichs Reif!

59
GrimgerdeNicht geheu’r ist’s dort für ein hilflos’ Weib.

106Wurm
BrünnhildeUnd doch vor Wotans Wut schützt sie sicher der Wald:106
ihn scheut der Mächt’ge und meidet den Ort.

106
Waltraute auf der Warte
Furchtbar fährt80Unruhe
dort Wotan zum Fels.

80
Sechs WalkürenBrünnhilde, hör’ seines Nahens Gebraus’!

Brünnhilde Sieglinde die Richtung weisend
Fort denn eile, nach Osten gewandt!
Mutigen Trotzes ertrag’ alle Müh’n, –
Hunger und Durst, Dorn und Gestein;
lache, ob Not, ob Leiden dich nagt!18Geschwisterliebe
Denn eines wiss’ und wahr’ es immer:

den hehrsten Helden der Welt67Siegfried
hegst du, o Weib, im schirmenden Schoß! –67
Sie zieht die Stücken von Siegmunds Schwert unter ihrem Panzer hervor und überreicht sie Sieglinde65Schwert
Verwahr’ ihm die starken Schwertesstücken;
seines Vaters Walstatt entführt’ ich sie glücklich:
der neugefügt das Schwert einst schwingt,67Siegfried
den Namen nehm’ er von mir –67
«Siegfried» erfreu’ sich des Siegs!

65Schwert
Sieglinde in größter Rührung
O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!9Erlösung
Dir Treuen dank’ ich heiligen Trost!
Für ihn, den wir liebten, rett’ ich das Liebste:67Siegfried
meines Dankes Lohn lache dir einst!
Lebe wohl! Dich segnet Sieglindes Weh’!
Sie eilt rechts im Vordergrunde von dannen. – Die Felsenhöhe ist von schwarzen Gewitterwolken umlagert; furchtbarer Sturm braust aus dem Hintergrunde daher, wachsender Feuerschein rechts daselbst

99Wehe
Wotan seine Stimme
Steh’! Brünnhild’!
Brünnhilde, nachdem sie eine Weile Sieglinde nachgesehen, wendet sich in den Hintergrund, blickt in den Tann und kommt angstvoll wieder vor

Ortlinde von der Warte herabsteigend
Den Fels erreichten Roß und Reiter!

Acht WalkürenWeh’, Brünnhild’! Rache entbrennt!

BrünnhildeAch, Schwestern, helft! Mir schwankt das Herz!
Sein Zorn zerschellt mich,80Unruhe
wenn euer Schutz ihn nicht zähmt.

Acht Walküren flüchten ängstlich nach der Felsenspitze hinauf; Brünnhilde läßt sich von ihnen nachziehen
Hieher, Verlor’ne! Laß dich nicht sehn!
Schmiege dich an uns und schweige dem Ruf!
Sie verbergen Brünnhilde unter sich und blicken ängstlich nach dem Tann, der jetzt von grellem Feuerschein erhellt wird, während der Hintergrund ganz finster geworden ist
Weh’! Wütend schwingt sich Wotan vom Roß! –
Hieher rast sein rächender Schritt!