Walküre 3. Aufzug 3. Szene 2

BrünnhildeWas hast du erdacht, daß ich erdulde?

WotanIn festen Schlaf verschließ’ ich dich:62Schlaf
wer so die Wehrlose weckt,62
dem ward, erwacht, sie zum Weib!

62
Brünnhilde stürzt auf ihre Knie
Soll fesselnder Schlaf fest mich binden,
dem feigsten Manne zur leichten Beute:
dies eine muß du erhören,87Waberlohe
was heil’ge Angst zu dir fleht!87
Die Schlafende schütze mit scheuchenden Schrecken,87
daß nur ein furchtlos freiester Held67Siegfried
hier auf dem Felsen einst mich fänd’!

67
WotanZu viel begehrst du, zu viel der Gunst!

87Waberlohe
Brünnhilde seine Knie umfassend
Dies eine mußt du erhören!
Zerknicke dein Kind, das dein Knie umfaßt;
zertritt die Traute, zertrümmre die Maid,
ihres Leibes Spur zerstöre dein Speer:83Vertrag
doch gib, Grausamer, nicht
der gräßlichsten Schmach sie preis!
mit wilder Begeisterung
Auf dein Gebot entbrenne ein Feuer;1291Feuerzauber
Walküre
den Felsen umglühe lodernde Glut;12
es leck’ ihre Zung’, es fresse ihr Zahn12
den Zagen, der frech sich wagte,12
dem freislichen Felsen zu nahn!

12
Wotan überwältigt und tief ergriffen, wendet sich lebhhaft zu Brünnhilde, erhebt sie von den Knien und blickt ihr gerührt in das Auge8791Waberlohe
Walküre
Leb’ wohl, du kühnes, herrliches Kind!
Du meines Herzens heiligster Stolz!
Leb’ wohl! Leb’ wohl! Leb’ wohl!
sehr leidenschaftlich
Muß ich dich meiden,87Waberlohe
und darf nicht minnig87
mein Gruß dich mehr grüßen;87
sollst du nun nicht mehr neben mir reiten,87
noch Met beim Mahl mir reichen;
muß ich verlieren dich, die ich liebe,
du lachende Lust meines Auges:
ein bräutliches Feuer soll dir nun brennen,12Feuerzauber
wie nie einer Braut es gebrannt!12
Flammende Glut umglühe den Fels;12
mit zehrenden Schrecken12
scheuch’ es den Zagen;12
der Feige fliehe Brünnhildes Fels! –12
Denn einer nur freie die Braut,67Siegfried
der freier als ich, der Gott!67
Brünnhilde sinkt, gerührt und begeistert, an Wotans Brust; er hält sie lange umfangen. Sie schlägt das Haupt wieder zurück und blickt, immer noch ihn umfassend, feierlich ergriffen Wotan in das Auge9587Wälsungenliebe
Waberlohe

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Der Augen leuchtendes Paar,87105Waberlohe
Wotans Scheidegruss
das oft ich lächelnd gekost,87105
wenn Kampfeslust ein Kuß dir lohnte,
wenn kindisch lallend der Helden Lob
von holden Lippen dir floß:
dieser Augen strahlendes Paar,87Waberlohe
das oft im Sturm mir geglänzt,87
wenn Hoffnungssehnen das Herz mir sengte,
nach Weltenwonne mein Wunsch verlangte
aus wild webendem Bangen:
zum letztenmal10587Waberlohe
Wotans Scheidegruss
letz’ es mich heut’10587
mit des Lebewohles letztem Kuß!10587
Dem glücklichern Manne87
glänze sein Stern:87
dem unseligen Ew’gen87
muß es scheidend sich schließen.87
Er faßt ihr Haupt in beide Hände616Entsagung
Schicksal
Denn so kehrt der Gott sich dir ab,6
so küßt er die Gottheit von dir!
Er küßt sie lange auf die Augen. Sie sinkt mit geschlossenen Augen, sanft ermattend, in seinen Armen zurück. Er geleitet sie zart auf einen niedrigen Mooshügel zu liegen, über den sich eine breitästige Tanne ausstreckt. Er betrachtet sie und schließt ihr den Helm: sein Auge weilt dann auf der Gestalt der Schlafenden, die er mit dem großen Stahlschilde der Walküre ganz zudeckt. Langsam kehrt er sich ab, mit einem schmerzlichen Blicke wendet er sich noch einmal um. Dann schreitet er mit feierlichem Entschlusse in die Mitte der Bühne und kehrt seines Speeres Spitze gegen einen mächtigen Felsstein.621056183Schlaf
Wotans Scheidegruss
Schicksal
Vertrag
Loge, hör’! Lausche hieher!42Loge
Wie zuerst ich dich fand, als feurige Glut,42
wie dann einst du mir schwandest,42
als schweifende Lohe;42
wie ich dich band, bann ich dich heut’!4283Vertrag
Herauf, wabernde Lohe,42
umlodre mir feurig den Fels!42
Er stößt mit dem Folgenden dreimal mit dem Speer auf den Stein42
Loge! Loge! Hieher!42
Dem Stein entfährt ein Feuerstrahl, der zur allmählich immer helleren Flammenglut anschwillt. Lichte Flackerlohe bricht aus. Lichte Brunst umgibt Wotan mit wildem Flackern. Er weist mit dem Speere gebieterisch dem Feuermeere den Umkreis des Felsenrandes zur Strömung an; alsbald zieht es sich nach dem Hintergrunde, wo es nun fortwährend den Bergsaum umlodert421287Feuerzauber
Waberlohe
Wer meines Speeres Spitze fürchtet,671287
durchschreite das Feuer nie!671287
Er streckt den Speer wie zum Banne aus, dann blickt er schmerzlich auf Brünnhilde zurück, wendet sich langsam zum Gehen und blickt noch einmal zurück, ehe er durch das Feuer verschwindet. Der Vorhang fällt67128710561Siegfried
Wotans Scheidegruss
Schicksal
Ende der Walküre